Und dem 11jährigen Jungen kann es eigentlich ziemlich egal sein, ob er nun eineinhalb Stunden oder drei Stunden zehn Minuten im Bus sitzt. Ich entscheide ganz demokratisch für Piet, dass er mit dem Bus fährt. Geht alles glatt durch, Ticket telefonisch vorbestellt, zur Abholung bitte zwanzig bis dreißig Minuten vor Abfahrt da sein
Warten aufs Ticket am Schalter, EDV Probleme mit der Kundin vor uns- alles nicht dramatisch, wir warten,nur weshalb mir vor der Nase das kleine Guckloch mit der unübersehbaren Aufschrift „geschlossen“ mit Nachdruck verriegelt wird, natürlich so, dass niemand auf die Idee kommt, das Türchen vielleicht aufzustoßen, ist schwer nachzuvollziehen.
In Geduld üben, wie ist das hier bloß bei 2° über null im Winter, keine schöne Vorstellung hier ein Ticket erwerben zu müssen.
Endlich ist es soweit, Ticket ausgedruckt, immerhin das erste Lächeln am Busbahnhof mitgenommen. Jetzt hin zum schicken 3-Achser Doppeldecker zum Einchecken. Ein älterer Herr im Nadelstreifen nimmt das Ticket entgegen. „Und die Begleitbescheinigung“? werde ich angeraunzt und ich überlege, hab ich den Tonfall nicht schon mal in Marienborn so vor etwa 22 Jahren gehört?
Also die Begleitbescheinigung! Macht ja auch Sinn, der Junge wird in Hamburg am ZOB abgeholt, vielleicht geht was schief, Vater bleibt im Stau stecken, falsche Uhrzeit im Kopf nur bin ich wirklich nur Bewerber um eine Reise nach Hamburg? Darf ich oder soll ich den Bus nutzen? Es wird für einen Moment wieder anstrengend, ich muss klarstellen, dass ich Kunde bin. Luft holen, durchatmen, Platz für Piet suchen.


Die in der Zwischenzeit eintreffenden Reisebusse werden angesagt, jedoch versteht kein Mensch die Ansagen, ist offensichtlich auch nicht beabsichtigt. Wer hierher kommt, muss schon genau wissen, wie man zum Busbahnhof kommt. Dass es von hier bis zur U-Bahn 10 Minuten zu Fuß sind, zur S-Bahn noch weiter und nur Busse direkt am ZOB halten, bedarf schon keiner Erwähnung mehr, schließlich ist das, was sich an dem anderen Bushalteplatz gegenüber dem Berliner Prestigehauptbahnhof nennt, nur noch schlimmer eine Ödlandfläche ohne Beleuchtung, ohne Wartehallen, ohne annähernd adäquate Gastronomie und selbstverständlich ohne Toilette die sind gegenüber im Hauptbahnhof, wenn man lebend die andere Straßenseite zwischen extrem kurzen Ampelschaltungen erreicht hat. Zur Zentrale des BDO ist es auch nicht wesentlich weiter.
Dabei wäre alles so einfach: Brezelduft statt Uringestank, statt Filterkaffee aus der ranzigen Warmhaltekanne ein mobiler Espressostand, statt muffligem Personal Gesichter, die einen Vorgeschmack auf angenehmes Reisen bieten, eine Wartelounge mit bequemen Sesseln, 15 Tageszeitungen in 10 Sprachen, 5 Internetterminals, Bildschirme mit Videos in mehreren Sprachen, die zeigen, was Bus heute so drauf hat - in 5 Sprachen. Dezente Musik, die einem die Wartezeit auf den Bus angenehm macht, abgesenkte Bürgersteige für Menschen mit Behinderungen, in das Pflaster eingelassenen Leitschienen für blinde Menschen, um bequem den Bus ihrer Wahl zu finden, Buskümmerer, also Personal, die sich für die Kunden interessieren
Auf dem Dach angebrachte Sonnenkollektoren übernehmen die Stromversorgung des ZOB, in Sichtweite des Reisepublikums befindet sich völlig aus Regenwasser gespeiste Waschanlage mit großen Zisternen unter dem Gelände. Das Wasser wird zu 100% recycled, die mit dem Restwasser betriebene Pflanzenkläranlage schafft das beruhigende Grün, das die Bussteige flankiert. Farbige Hinweistafeln machen die Zusammenhänge zwischen Energieverbrauch und notwendiger Mobilität klar, Schüler aus Berliner Schulen übernehmen in Projektwochen die Information von Reisegästen.
Beinahe jeden Tag besuchen Schulklassen ein ökologisches Vorzeigeprojekt vom ersten Regentropfen bis zum Start des 480PS Diesel. Da ließe sich sicher noch einiges draufsetzen, fürs erste würde es reichen und sicher mehr Furore machen, als der neue Busbahnhof in München, der ausgerechnet noch stolz dem Design des ICE hinterher rennt.
Und wenn Sie jetzt fragen was denn das alles kosten soll, dann können Sie sicher sein, dass es zum größten Teil Phantasie und Interesse am Kunden kostet, das beginnt im Kopf und kostet zunächst mal gar nichts.
Was hingegen wirklich Geld kostet, ist das öffentlich wirksam zur Schau gestellte schlechte Image des Busses, das vielleicht zu den unangenehmen Seiten der berüchtigten Berliner Freundlichkeit gut passt, aber nicht zu einer Branche, die weiß Gott vielmehr drauf hat als schlechte Laune und den Duft ranzigen Frittenfetts zu verbreiten.
Hier werden Vorurteile, das ein Großteil der Öffentlichkeit über das Reisen mit dem Bus hat, für alle Ewigkeit zementiert.
Übrigens: fast alle genannten Beispiele sind nicht Fiktion, sondern die gibt es, in privaten Busunternehmen, wo gearbeitet wird, während hier vielerorts nur verwaltet wird.
Mein Tipp: Wenn Sie selbst Gäste zum Bus bringen, sorgen Sie dafür, dass diese niemals mitbekommen, was sich auf dem Weg zum Bus so alles abspielt. Sitzen die dann im Bus, wird’s wirklich angenehm, aber wer sagt das schon gerne?
In diesem Sinn, Gute Reise aber nicht nach Hamburg sondern auf der Überholspur der ungenutzten Chancen, den Bus zum coolsten Massenverkehrsmittel Deutschlands zu machen!






Es tut sich einiges im Bayerischen Wald. Die Region um Cham ist nicht nur führend, wenn es um den Anbau gesunder Lebensmittel und die Stromerzeugung mit Biogas und Photovoltaik geht, sondern möchte sich auch mit dem Angebot spannender Programme für Tages- und Kurzreisen profilieren. Dazu hat das Amt für Landwirtschaft und Forsten zusammen mit der Tourismusakademie Ostbayern ein zweitägiges Seminar mit viel Praxisbezug für die etwa 15 teilnehmenden Betriebe veranstaltet.
Das Netzwerk Bustourismus aus Berlin hat mit Trainer Wolfram Goslich den Bauern im Neben- und Vollerwerb Wünsche von Busreiseveranstalten und deren Kunden nahe gebracht und einige zündende Ideen hinterlassen. Heilkräutergärten, seltene Rosen, selbst geerntete Kartoffeln mit Ideen für die Küche, Hightech Einsatz von Biogasanlagen auf Einödhöfen, Ziegenkäse selber machen, Kneippgang auf dem Bauernhof aktive Tagesprogramme sind gefragt.
Fazit: Ran an die Busunternehmen mit frischen Ideen aus dem Bayerischen Wald.
...Biobauern und Bustouristik .



Interview mit dem Busexperten und Kommunikationstrainer Wolfram Goslich (busconcept) über die Vorzüge und die Zukunft der Busreise
taz: Herr Goslich, bei Busreisen denkt man gemeinhin an betuliche Rentnertrips.
Wolfram Goslich: Das stimmt auf der Erscheinungsebene. Aber Busreisen sind wesentlich besser als ihr Ruf. Wir befinden uns in einer Phase, wo ein Generationenwechsel stattfindet.
Und wie sieht dieser aus?
Heute wird viel mehr auf individuelle Gestaltung Wert gelegt. Es gibt Busreiseveranstalter, die machen Fahrrad- und Wanderreisen. Es gibt Busreiseunternehmen, die bieten Reisen mit Kultur- und Aktivprogramm - für verschiedene Geschmäcker. Da kann ich aktiv selbst etwas unternehmen, entweder ein Museum besuchen oder mit dem gemieteten Fahrrad Sightseeing machen. Vorteil: Ich muss nicht ständig einer Gruppe hinterherlaufen. Da wird mehr individuell gestaltet. Hinzu kommt: In Zeiten, wo die Einsamkeit in der Gesellschaft immer mehr zunimmt, steigt die Bedeutung des Busses als sozialer Raum, wo Kontakte geknüpft werden können.
Sie meinen Busreisen als ideale Alternative für Singles und als Kontaktbörse? Gibt es da schon konkrete Angebote?
Wenn ich mir nur den Berliner Raum anschaue, gibt es viele attraktive Angebote: Städte- und Rundreisen, Wandern und Yoga in den Cinque Terre und im Fläming, Skilanglauf in Norwegen, mit dem Bus zu den Loireschlössern, Eltern-Kind-Reisen und und und.
Gibt es sonst noch Argumente für den Bus?
Jeder moderne Bus steht in der Klimabilanz besser da als die Bahn. Wenn so ein Bus mit 30 Personen besetzt ist, dann liegt der Verbrauch zwischen 21 und 26 Litern auf hundert Kilometer, das sind pro Person 0,6 Liter! Die Bahn liegt im Vergleich bei zwei Litern, der Airbus A 340 bei 3,4 Litern. Es gibt kein Verkehrsmittel, das besser abschneidet. Zudem ist der Bus flexibler und übrigens auch auf innerdeutschen Städteverbindungen wesentlich günstiger als die Bahn.
Der Bus als Konkurrenz zur Bahn?
Ja. Und vom Kunden ist es nun wirklich nicht hinzunehmen, dass es ausgerechnet ein Gesetz aus der Nazizeit von 1934 ist, dass es der Bahn erlaubt, jegliche Konkurrenz auf der Straße bis auf den heutigen Tag per Gesetz abzuschmettern. Sagen übrigens auch Verkehrswissenschaftler und Experten. Beispiel: Ich will von Frankfurt nach Hamburg. Das kostet mich im Intercity 92 Euro, im Fernlinienbus 21 Euro, aber der darf nur nachts fahren, weil die Bahn mauert. Und längst nicht alle Reisenden gehen nur nach eingesparter Zeit, sondern vor allem nach eingespartem Geld, nach Sicherheit und Umweltfreundlichkeit.
Durch Unfälle sind Busse in Verruf geraten. Ist es gefährlich, Bus zu fahren?
Jedes Fahrzeug, das sich bewegt, ist ein Risiko. Was sagt das Statistische Bundesamt: Der Bus ist mit Abstand das sicherste Verkehrsmittel. In Zahlen ausgedrückt: Setzt man die gefahrenen Personenkilometer mit den getöteten Insassen in Beziehung, so ist das Tötungsrisiko bei einer Fahrt mit dem Bus 44-mal geringer als beim motorisierten Individualverkehr, 15-mal geringer als beim Flugzeug und viermal geringer als bei der Bahn. Nur fällt ein umgestürzter Bus mehr auf als 20 Pkws, die sich um Bäume gewickelt haben.
Was ist Ihre Vision für die Busreise?
Für die neuen Lifestylegewohnheiten der Generation 55 plus Reiseatmosphäre schaffen. Es geht in Zukunft nicht mehr um Busreisen, sondern um Urlaubsreisen, um Erlebnis. Welcher Gast bricht schon in Tränen aus, wenn er den Eiffelturm sieht? Der Kunde 60 plus, wer ist das? Die sind mit den Stones und Mick Jagger groß geworden und schon gar nicht mit den Kastelruther Spatzen! Also: mehr Atmosphäre, mehr Emotion, unaufdringlicher Luxus und auch ein Tick Entschleunigung! Und für die Branche selbst wünsche ich mir, dass sie viel selbstbewusster auftritt und nicht so ängstlich jammerig.
INTERVIEW: EDITH KRESTA
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